Kanada wie im Dia-Vortrag: Der Gebirgsbach plätschert rein und klar, Steine und Felsbrocken, die man auch im Garten zuhause gern hätte, liegen zehntausendfach herum, bleiche Baumskelette schlagen Brücken, die man einfach überqueren muß. Am Ufer gegenüber wartet ineinander verknotetes Dickicht, undurchdringlich, dunkelgrün, fast schwarz. Ein toller Abenteuerspielplatz. Fehlt nur noch der Wolf. Wäre ja zu schön, wenn jetzt einer über den Bach springen würde.
Casey Black lächelt. Er weiß, was seine Gästen denken, wenn er sie hierher bringt. “Paßt auf”, sagt er und tippt leise auf die Plastikbüchse unter seinem Arm. Doch erst passiert nichts. Dann aber fühlen wir uns beobachtet. Eine neue Präsenz scheint alle Energie aus diesem Ort zu saugen. Noch ist nichts zu sehen. Wir blinzeln mit den Augen, die Kameras schußbereit. “Da”, flüstert Casey, und trommelt, tap, tap, tap, noch einmal leise auf der Büchse. Und tatsächlich, ist das nicht ein Schatten, der da durch das Dickicht irrlichtert? Minutenlang treibt er konturlos hin und her, dann aber hält er an und nimmt Gestalt an. Zuerst werden zwei bernsteinfarbene Augen sichtbar. Regungslos starren sie zu uns herüber. Dann schiebt sich ein grau-schwarzer
Kopf durch das Blattwerk. “Hallo Maya”, sagt Casey leise, fischt ein Stück Fleisch aus der Büchse und wirft es über den Bach. Die Wölfin fängt es gekonnt mit dem Maul auf und löst sich vollends aus dem Dickicht. Lange Beine kommen in Sicht und Pfoten doppelt so groß wie die eines Hundes dieser Größe. Darüber eine hohe, schmale Brust, wie gemacht für die Fortbewegung im tiefen Schnee. Und darüber ein scheu blickendes Gesicht. Maya springt auf einen Felsen und peilt die Lage. Jede unserer Bewegungen registriert sie, kein Knacken im Unterholz entgeht ihr. Erst als sie sich absolut sicher fühlt, kommt sie zu uns hinüber. Allerdings nicht geradewegs: Weil sie uns passieren müßte, um zu Casey zu gelangen, macht sie einen großen Bogen um uns. “Euch kennt sie nicht, da ist sie vorsichtig”, schmunzelt der massige Mann. Als Maya ihn endlich erreicht, streicht sie leicht um seine Beine. Dabei läßt sie uns keine Sekunde aus den Augen. Einen Lidschlag später verschmilzt sie wieder mit dem Wald.
Zugegeben: Ein bißchen haben wir schon gemogelt bei diesem Treffen. Maya wurde nämlich in Gefangenschaft geboren. Zu Casey und seiner Frau Shelley, den Betreibern, kam sie, als sie sechs Wochen alt war. Aus der Prägephase war sie da allerdings schon heraus, und deshalb blieb sie scheu und extrem mißtrauisch. Zusammen mit Aspen, Tuk, Wiley, Moab und Keehta, wie sie in Gefangenschaft geboren, lebt die Timberwölfin im über 5000 qm großen Gehege des Northern Lights Wildlife Wolf Centre (www.northernlightswildlife.com) am Stadtrand von Golden (British Columbia, www.tourismgolden.com). Hier erklären Casey und Shelley und eine Handvoll engagierter Helfer ihren Gästen, dass Wölfe keine blutrünstige Killermaschinen sind, sondern intelligente, soziale, liebevolle und verspielte Individuen. Der Eintritt kostet nur ein paar Dollar. Wer 150 Dollar auf den Tisch legt, kann
mit den “Alpha-Tieren” Casey und Shelley in den Busch ziehen und Maya & Co. ohne Zaun und Gitter in ihrem natürlichen Element erleben und fotografieren. Man fährt getrennt zum Treffpunkt in der Wildnis, dann lassen Casey und Shelley die Wölfe frei – und bitten die Gäste, leise oder gar nicht zu reden und jede schnelle Bewegungen zu unterlassen. Die Besucher zahlen diesen Betrag, ohne mit der Wimper zu zucken. “In dem Augenblick, wo ich fast auf Tuchfühlung mit dem Wolf bin, ist das Geld für mich nur Papier”, erklärt ein Gast nach einem “walk with wolves” begeistert.
Die Aufklärungsarbeit des Zentrums ist bitter nötig. Vier der berühmtesten Nationalparks Kanadas – die zusammenhängenden Wildnisgebiete Yoho, Banff, Jasper und Kootenay – liegen gleich vor der Haustür, weitere Aushängeschilder des kanadischen Nationalparksystems – Glacier, Waterton und Revelstoke – sind nicht auch nicht weit. Paradiesische Verhältnisse für Wölfe? Sadie Parr, eine der Helferinnen des Wolf Centre, widerspricht. “Kanada ist zwar das Land mit dem zweitgrößten Wolfsbestand der Welt, aber in Banff, Yoho, Kootenay und Jasper leben keine 70 Tiere mehr!” Wölfe sind in Kanada Freiwild. Farmer und Rancher betrachten sie als Ungeziefer. Nur in Nationalparks stehen sie unter Schutz. Doch auch dort finden sie in direkt oder indirekt durch Menschenhand den Tod.
Statistiken belegen, dass der Bestand auch in den Parks Banff, Jasper, Yoho und Kootenay dramatisch zusammen geschmolzen ist. Allein im nur 6600 qkm großen Banff National Park, der durch den Trans Canada Highway und die Schienen der Canadian Pacific Railroad zweigeteilt und alljährlich von mehreren Millionen Menschen besucht wird, starben zwischen 1981 und 1998 dreißig Wölfe im Autoverkehr und neun auf den Schienen. Bis heute sind Eisenbahn und Autos die größten Wolfskiller in diesen vier Parks. Allein im September 2009 wurden hier vier Wölfe von Autos getötet. Tierschützer bezeichnen die von der kanadischen Regierungsbehörde Parks Canada neben den Highways gebauten Zäune, die das Wild von den Straßen fernhalten sollen, deshalb als Makulatur. “Was helfen die stärksten Zäune, wenn sie nicht regelmäßig auf Löcher kontrolliert werden? Was helfen Geschwindigkeitsbegrenzungen, wenn sie nicht durchgesetzt werden?” Casey, eher ein schweigsamer Typ, redet sich in Rage. “Wenn die Regierung unsere Wölfe wirklich retten wollte, würde sie den Massentourismus rund um Banff vernünftig regulieren.” Die Fragmentierung des Lebensraums der Wölfe sei die größte Gefahr. “Brauchen wir wirklich noch einen Golfplatz, noch einen Supermarkt?” Selbst Parks Canada berichtet auf seiner Homepage, dass die meisten Leute nach Banff kommen, um dort zu shoppen.
Um den Schutz der Wölfe in den zentralen Rocky Mountains voranzutreiben, hat das Northern Lights Wildlife Wolf Centre deshalb die Canadian Wolf Coalition (www.canadianwolfcoalition.com) gegründet. Das wichtigste Anliegen dieser aus Tierschützern und Privatleuten bestehenden Allianz ist es, die Errichtung von 50 km breiten Pufferzonen rund um die Nationalparks voranzutreiben. Die Chancen dafür stehen gut. Auch Parks hat unlängst den Yoho National Park als zu klein für ein gesundes Wolfsrudel bezeichnet. “Wenn die Pufferzonen auch nur einem einzigen Wolf das Leben retten, haben sie sich schon gelohnt”, sagt Casey und trommelt ein letztes Mal auf seiner Büchse. Es dauert nicht lange, bis Maya sich wieder blicken läßt. Unentschlossen schnürt sie am Bachufer auf und ab. Vermißt sie Wiley, der sie sonst begleitet? Oder liegt es an uns, passen wir nicht ins Bild? Nach einer Weile bittet Casey uns, allein zu unserem Wagen zurück zu marschieren. “Sonst kommt sie nicht wieder”, schmunzelt er, und irgendwie scheint ihn das auch zu freuen. “Da kann selbst das Alpha-Tier nichts ausrichten ..”

